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Gesundheit aus dem Supermarkt?


Teebeutel Fast 4000 Tonnen Kamillenblüten werden allein in deutschen Haushalten jedes Jahr verbraucht - vor allem in Form von Tee. Seit Generationen schon gilt Kamillentee als Heilmittel, etwa gegen Krankheitserreger, Entzündungen oder auch Magen- und Darmbeschwerden. Zu Recht. Erwiesenermaßen verfügt etwa die Echte Kamille, Matricaria recutita, über Inhaltsstoffe, die unter anderem bakterizid, fungizid, desodorierend und wundheilungsfördernd wirken.

Aber: Sind die jeweiligen Substanzen auch im fertig aufgebrühten Tee enthalten? Waren sie vorher überhaupt in dem gekauften Teeprodukt? Unterscheidet sich Supermarkt- von Apothekenware? Und macht es eventuell einen Unterschied, ob man ganze Blüten kauft oder fein geschnittene, in Teebeuteln abgepackte Kamille?

 
Bionorica-Chef Professor Michael Popp wollte es genau wissen. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender des "Komitees Forschung Naturmedizin" (KFN) gab er gemeinsam mit Bionorica- Forschungsleiterin Dr. Gudrun Abel eine wissenschaftliche Studie in Auftrag, um die Zusammensetzung unterschiedlicher Kamillenprodukte untersuchen zu lassen. Lose Kamillenblüten aus Drogerien und Apotheken kamen dabei ebenso ins Labor wie Beuteltees aus Drogerien, Apotheken und Supermärkten. Und auch flüssige Kamillenkonzentrate aus Drogerien und Apotheken wurden untersucht. Insgesamt unterzogen die Analytiker zehn Beuteltees, fünf lose Tees sowie neun Konzentrate und mitunter jeweils gleich mehrere Chargen ihren Tests. Die Messungen wurden am Institut für Analytische Chemie und Radiochemie der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck durchgeführt.

"Uns haben bei diesen Analysen vor allem die therapeutisch interessanten Bestandteile interessiert, also das ätherische Öl und die Flavonoide", so Gudrun Abel. Für die Untersuchungen kamen chromatographische Verfahren wie Dünnschicht- (DC), Gas- (GC) und Hochleistungs-Flüssigkeitschromatographie (HPLC) zum Einsatz. Während die DC einen guten Überblick über das Verteilungsprofil bestimmter Inhaltsstoffe, den so genannten Fingerprint, liefert, ermöglichen HPLC und GC außerdem die mengenmäßige Bestimmung der einzelnen Komponenten.


 
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Schon die Dünnschichtchromatographie deutete einen klaren Trend an: Sowohl beim ätherischen Öl als auch bei den Flavonoiden waren die Messsignale bei den losen Apothekentees deutlich intensiver als bei den Beuteltees. Aber auch innerhalb der jeweiligen Teilgruppen gab es Unterschiede. So schnitten unter den Beuteltees gerade jene Marken am besten ab, die über Apotheken vertrieben werden. Klares Fazit: Lose Tees waren gehaltvoller als Beuteltees. Und unter den Beuteltees schnitten die in Apotheken gehandelten Produkte besser ab.


Kamille

Echte Kamille in freier Natur - in Europa und Nordamerika ein normaler Anblick. Doch die Handelsware stammt in der Regel aus Anbaukulturen

Die höchsten Wirkstoffgehalte fanden die Analytiker jedoch in den Kamillenextrakten. Das war auch zu erwarten - schließlich handelt es sich dabei bereits um Konzentrate. Doch auch hier gab es Unterschiede beim Fingerprint, also beim Verhältnis der Konzentrationen der Inhaltsstoffe zueinander. Beispielsweise gab es ein Produkt mit einem sehr hohen α-Bisabolol- Gehalt, aber fast ohne Farnesen. Andere Proben wiederum hatten nur geringe α-Bisabolol-Mengen, aber dafür größere Bisabololoxid-Gehalte. Dies alles sind wichtige Bestandteile des ätherischen Öls. Interessant auch der Befund, dass in einem - in Drogerien gehandelten - Kamillenextrakt praktisch überhaupt keine der sonst üblichen Bestandteile des ätherischen Öls nachweisbar waren. "Das deutet darauf hin, dass hier ganz unterschiedliches Ausgangsmaterial eingesetzt wurde", so Dr. Gudrun Abel.


Die exakte Quantifizierung einzelner Substanzen bestätigte die Befunde der Dünnschichtchromatographie: So wiesen die losen Teeprodukte höhere Gehalte an den für die pharmazeutische Wirkung relevanten Inhaltsstoffen auf. Besonders deutlich war die Differenz bei den Flavonoid-Glycosiden Luteolin-7-O-Glucosid und Apigenin- 7-O-Glucosid. Für Letzteres gibt das Europäische Arzneibuch einen Mindestgehalt von 0,25 Masseprozent an. Dieser wurde von allen untersuchten losen Tees eingehalten. Bei den Beutelteeprodukten erfüllte dagegen nur die Hälfte der Proben diese Anforderung, darunter alle in Apotheken gehandelten Marken.

Ganz offensichtlich ist es also so, dass zumindest manche Hersteller von Beuteltees bei der Bestückung ihrer Beutel nicht nur von den reinen Kamillenblüten ausgehen, so, wie es bei losen Teeangeboten üblich ist, sondern auch andere Teile der Pflanze mitverarbeiten.

Dies wird auch von den Sichtproben der Beutelinhalte gestützt. So fielen viele Beutelteeproben viel bräunlicher aus als das gelbliche Schnittgut reiner Kamillenblüten. Die Vermutung liegt also nahe, dass bei manchem Supermarktprodukt auch Stängel und Blätter eingesetzt wurden. Für den Konsumenten ist das mit Qualitätseinbußen verbunden. Denn für die medizinische Bedeutung des Korbblütlers sind vor allem die Blüten entscheidend.


Kamille-Blüten

Kamille-Schnitt

Kamille ist nicht gleich Kamille. Und nicht jedes Produkt enthält die heilsamen Wirkstoffe in optimaler Menge. Bei der Beurteilung hilft die Sichtprüfung. Besteht loser Tee ausschließlich aus ganzen Kamillenblüten (oben), ist das ein gutes Zeichen, denn sie enthalten die Wirkstoffe. Beutelteeware ist dagegen fast immer mehr oder weniger fein geschnitten (unten). Je bräunlicher dieser Schnitt ist, desto schlechter. Denn dann wurden die Blüten mit Stängeln und Blättern gestreckt.


"Ein Beuteltee muss nicht zwangsläufig minderwertiger sein", so Gudrun Abel. Schließlich könne auch er reinen Blütenschnitt enthalten. Allerdings sei für den Verbraucher von außen kaum zu erkennen, welche Qualität er tatsächlich kauft. "Den Apotheker um Rat fragen", empfiehlt die Bionorica- Forschungsleiterin daher.

Dass es aber selbst unter den offenen Tees unterschiedliche Wirkstoffprofile gab, legt nahe, dass es nicht trivial und selbstverständlich ist, ein Naturprodukt wie die Blüten der Matricaria recutita (Matricariae flos) in arzneibuchkonformer Qualität in den Handel zu bringen. Ein Befund, der bei Bionorica keineswegs überrascht. Im Unternehmen weiß man nur allzu gut, wie sehr es bei Drogen auf Sortenwahl, Anbaubedingungen, Erntezeitpunkt oder die Art der verwendeten Pflanzenbestandteile ankommt.

Wer also beim Kauf von Kamillentee oder -blüten Wert auf Qualität legt, der sollte sich generell immer vom Apotheker beraten lassen. Er kann am besten beurteilen, welche Teeprodukte auf welchen Rohstoffen basieren und entsprechend hochwertig sind. "Diese Expertise der Apotheker zu nutzen empfehlen wir ganz generell, wenn es um den Kauf pflanzlicher Produkte für die medizinische Verwendung geht", so Professor Popp für das Komitee Forschung Naturmedizin.

Im Fall von Teeprodukten müsse aber noch etwas anderes beachtet werden, so Popp. "Kamillen- und auch andere Kräutertees können immer nur eine unterstützende Maßnahme darstellen." Selbst wenn die gekauften Kamillenblüten über die optimale, BRUCHHAUS/BIONORICA therapeutisch gewünschte Wirkstoffzusammensetzung verfügten, so sei die Zubereitung als Tee doch nur bedingt geeignet, alle Inhaltsstoffe in vollem Umfang aus dem Pflanzenmaterial herauszulösen. Zum anderen sorge das Überbrühen mit kochendem Wasser dafür, dass sich bestimmte Substanzen verflüchtigen oder gar zerstört werden. Es wird geschätzt, dass in einem üblichen Teeaufguss etwa 70 Prozent des ätherischen Öls enthalten sind.

Wer das gesamte Wirkstoffspektrum nutzen möchte, sollte daher pflanzliche Fertigarzneimittel nutzen. Insbesondere solche, die auf Spezialextrakten nach dem Phytoneering-Prinzip basieren. Dabei wird auf homogene Rohstoffqualität, wissenschaftlich optimierte Extraktionsverfahren, pharmakologische Wirkungen und klinische Wirksamkeitsbelege Wert gelegt. Die Hersteller hochwertiger Präparate achten auch darauf, unerwünschte Bestandteile, Allergene etwa, zu eliminieren. Auch hier gilt: Wer all dies nicht selbst beurteilen kann, dem hilft bei der Wahl des optimalen Produkts erneut der Rat des Apothekers.

 

Quelle: Bionorica Forschungsmagazin (1/2006)

Stand: 14-06-2007



 
 

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