sommer

Startseite  / Pflanzen wirksam machen  / Modernste Technologien

Aus Pflanzen Wirkstoffe zu gewinnen ist echtes Phytoneering


Techniker mit Trockenextrakt - Bionorica Die Warntafel des Tankwagens auf dem Bionorica-Gelände ist leuchtend orangefarben. 33-1170 prangt in schwarzer Farbe darauf. Eine hochprozentige Fracht: 1170 steht für Alkohol von größtmöglicher Reinheit. "Ethanol 96% nach Europäischem Arzneibuch" heißt es in den Lieferpapieren.

Für Bionorica eine übliche Anlieferung. "Neben pflanzlichem Rohmaterial zählen Wasser und Ethanol als Lösemittel zu unseren wichtigsten Ausgangsstoffen", sagt Dr. Joachim Erler, Herstellungsleiter bei Bionorica. Jede Flüssigkeit löst unterschiedliche Substanzen aus Pflanzen heraus. Welche das sind, darüber entscheidet die Polarität des Lösungsmittels. So ist zum Beispiel Wasser relativ polar, während Hexan ein unpolares Mittel ist. Ethanol liegt dazwischen.


 
Mit reinem Wasser extrahiert man bei Bionorica etwa aus Eibischwurzeln und Liebstöckel. Ein Alkoholüberschuss ist dagegen nötig, wenn es auf Polyphenole, Flavone, Flavonoide oder ätherische Öle ankommt. Und aus Efeu wird mit 70 Prozent Alkohol und 30 Prozent Wasser extrahiert.
 
Mehr zum Thema
Zum Download: Extrakte der Extraklasse: Aus Pflanzen Wirkstoffe zu gewinnen ist echtes Phytoneering (PDF, 563 kb)
mehr 
Wie Alkohol muss auch Wasser den Ansprüchen des Europäischen Arzneibuchs entsprechen. Bionorica gewinnt täglich rund 20.000 Liter "Aqua purificata", indem normales Leitungswasser durch Aktivkohlefilter sowie eine Umkehrosmose geschickt und danach mit UV-Licht keimfrei gemacht wird.

Die exakte Zusammensetzung des Extraktionsmittels ist für jedes Präparat eindeutig festgeschrieben und bei den Zulassungsbehörden hinterlegt. Die Anwender finden entsprechende Hinweise auf dem Beipackzettel - unter dem Stichwort Auszugsmittel. Mit wie viel Extraktionsmittel welche Menge Drogenmaterial extrahiert wird, ist ebenfalls genau festgelegt.

Eine entscheidende Rolle spielt auch die Temperatur: "Eine Extraktion wird umso effektiver, je heißer das Extraktionsmittel ist", sagt Erler. Doch mit der Temperatur steigt auch das Risiko, wertvolle Substanzen zu zerstören. Kochendes Wasser, wie es Kaffee- oder Teezubereiter nutzen, scheidet bei der Phytopharmaka-Gewinnung aus, weil viele wichtige Pflanzenbestandteile sehr empfindlich auf Hitze reagieren.

Die Lösung kann also nur heißen: Temperatur senken. Und das erfordert Geduld. "Zehn Grad weniger bedeutet doppelt so lange extrahieren", erklärt Erler die gängige Faustformel. Manche Extraktionen dauern so 20 Stunden.

Die genaue Verfahrensbeschreibung jeder Extraktion ist auch in einer unternehmenseigenen BNO-Nomenklatur festgeschrieben. "Diese BNO-Klassifizierung steht für die Einzigartigkeit und die gleich bleibende Qualität unserer Produkte. Das sind Gütesiegel für einzigartige Spezialextrakte", erklärt Professor Michael Popp. Der Bionorica-Vorstand lässt keinen Zweifel daran, dass es sich auf Grund der ausgetüftelten und oft von Bionorica patentierten Verfahrensschritte um "echte High- Tech-Produkte" handelt. Popp: "Wir haben bereits 1988 mit einer speziellen Engineering-Abteilung Maßstäbe gesetzt. Die Extraktionsanlagen wurden komplett neu konzipiert und aufgebaut, eine vollautomatische Computersteuerung zur Qualitätssicherung implementiert."

So auch für Bronchipret. Bewegungsmazeration heißt der Prozess, in dem aus gerebeltem Thymiankraut extrahiert wird. Im geschlossenen System wird dazu das Auszugsmittel in einem mit Thymian gefüllten, 2200 Liter großen V4A-Edelstahl-Extraktor umgewälzt. Mess- und Steuergeräte überwachen den Vorgang, regeln über Ventile und Siebe Durchfluss und Umwälzvolumen und halten mittels Wärmetauschern die Temperatur unter 25 Grad Celsius. Eine Software erfasst, regelt und dokumentiert alle Prozessdaten. Und immer wieder gehen Proben ins Labor. Nach vier Stunden liegt der Thymian-Fluidextrakt vor. Mit dem fertigen Arzneimittel hat der allerdings noch nichts zu tun.

Drei weitere Tage muss die Flüssigkeit in einem Edelstahltank ruhen, damit sich grobe Schwebeteilchen absetzen. Die feineren werden über eine Tiefen- und eine Membranfiltration abgetrennt. Dieses Filtrat ist anschließend Grundlage für Bronchipret Saft und Tropfen.

Anders der Weg zu Bronchipret Tabletten. "Dafür brauchen wir Trockenextrakt. Das bedeutet: Wir müssen das Extraktionsmittel vollständig entfernen." Auch das sagt sich so leicht. Doch erneut ist jede Menge Knowhow im Spiel. Erster Schritt: Das behutsame Aufkonzentrieren in einer Plattenverdampferanlage. Der Extrakt strömt über exakt temperierte Edelstahlplatten, dabei wird die Flüssigkeit über einen leichten Unterdruck vorsichtig abgesaugt. Wenn der Feststoffanteil 50 Prozent erreicht hat, folgt der zweite Schritt: In einem Vakuumverdampfer wird die Feststoffkonzentration auf 70 Prozent gebracht. Spissum-Extrakt (Dickextrakt) heißt diese relativ zähe Paste bei Experten.

Um auch den verbliebenen Rest Extraktionsmittel abzutrennen, setzt Bionorica einen intern entwickelten Vakuumtrockner ein. Dieses Verfahren wurde mit dem deutschen Innovationspreis ausgezeichnet und ist weltweit patentiert. In dicken Stahlbehältern erzeugen Vakuum-Hochleistungspumpen niedrigste Drücke. Der Siedepunkt sinkt, die Flüssigkeit verdampft. Ein ausgeklügeltes Ankerrührwerk sorgt dafür, dass die schwerfällige und hochviskose Paste so lange in Bewegung bleibt, bis sich quasi auch die letzten Wasser- und Ethanolmoleküle verflüchtigt haben. Auch jetzt darf die Temperatur 40 Grad nicht übersteigen, da sich sonst zum Beispiel das Thymol zersetzen könnte.

Acht Stunden dauert die Vakuumtrocknung im Fall von Thymian. Am Ende bleibt ein feines Pulver in der Apparatur zurück. Der erste Weg dieses Pulvers führt unweigerlich ins Labor: Zur Qualitätskontrolle. Sind alle wertvollen Pflanzenbestandteile enthalten? Stimmen Konsistenz und Restfeuchte? Erst wenn das der Fall ist, bekommt der Trockenextrakt sein Gütesiegel: BNO 1565. Mit ihm kann das nächste Kapitel beginnen - die Produktion hochwertiger Bronchipret Filmtabletten.
 

Quelle: BIONORICA - Das Magazin für Phytotherapie (2/2005)

Stand: 17-01-2007



 
 

 Druckversion


 zurück